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Tempo

21. Dezember 2008 | robins

Tempo Hanseat Tempo Hanseat Steuerfrei und ohne Führerschein fahren – Oh, welch paradiesischer Zustand! Traum zahlender und werdender Automobilisten, Heilsvision aller, die den Lappen ob ihrer Sündhaftigkeit im Verkehr schon einmal abgeben mussten (was man nicht hat, kann man nicht verspielen).

Doch halt, das ist kein Traum und auch kein Märchen, das ist reale Autogeschichte! Nun gut, dreirädrige Autogeschichte. Der Motor maximal zweihundert Kubikzentimeter. Aber wer wird denn schon kleinlich sein.

Tempo, das ist die Geschichte einer genialen Spürnase für die passende mobile Lösung zur richtigen Zeit. Anno 1928 war’s, als die Riecher von Max Vidal und Sohn Oscar Erfolgslunte rochen und die Dreiräder der damals maroden Hamburger Marke „Tempo Eilwagen“ im Alleinvertrieb übernahmen.

So wurde also in Eigenregie gebaut und geschraubt, und schon 1929 gab’s das erste Model des dreirädrigen Kleintransporters zu bestaunen. T sechs hieß er nicht nur, sondern hatte auch eine T-Form. Man stelle sich ihn vor als Moped mit Bauchladen: Der steuerfrei fahrende Händler ohne Führerschein saß auf einem Sattel über dem einzig-einen Hinterrad, die anzupreisende Ware vor sich auf der Ladefäche. Die ruhte auf einer Achse mit zwei Rädern.

1933 wurde das ganze Prinzip einfach umgedreht, der Fahrer nach vorne in ein Kabinenhäuschen gepackt, die Ware nicht mehr vor der Nase, sondern in den Nacken. Nun konnte man hinten auf die Ladepritsche hübsche Kastenaufbauten setzen. Auch die Räder saßen jetzt anders rum, das eine alleine kam nach vorn, die beiden anderen trugen hinten gemeinsam die Kastenlasten. Dem einsamen Vorderrad gab man dafür einen eigenen Motor. Front sechs, so nannte man ihn auch.

Ihm folgten D 200 und 400 mit sechs und zwölf PS. Hanseat hieß im Jahr 1948 ein schlankes Modell, und ein anderes nannte man Boy. Und noch ein wenig später kam dann auch wieder das vierte Rad am Wagen ins Spiel. Erst mit V, dann mit A 600, und schließlich mit Matador und Wiking, dem Fischmaul.

Tempos Erfolgsgeschichte ist temporeich, und das heißt kurz. 1955 verkaufte man schon die eine Hälfte aller Anteile an Hanomag, zehn Jahre später ging dann auch die andere an das Unternehmen, das mittlerweile Rheinstahl-Hanomag hieß. „Ach wie traurig, wie bedauerlich“, könnte man jetzt sagen, wenn da nicht wieder das Märchenhafte ins Spiel käme.

Ein indisches Märchen. Ideen, Pläne und Werkzeuge nämlich sollten hier noch lange, lange Zeit fortbestehen. Von 1962 an bis zur Jahrtausendschwelle im Jahr 2000 lebte das Temposche Dreiradprinzip als „Bajaj-Tempo“ in der schönen Gestalt einer Autorikscha zwischen flatternden Saris und heiligen Kühen auf Indiens Straßen fort.

Daten zum Tempo:

Bauzeit: 1929-1955

Produktionszahl: über 100.000 dreirädrige Exemplare aller Modelle

Leistung: 6 PS (D 200, dreirädrig) bis 54 PS (Matador E, vierrädrig)

Höchstgeschwindigkeit: 100 km/h (Matador)

Links:

Sonderausstellung „Tempo!“ im Hamburger Museum für Arbeit

(bis 12. April 2009)


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